Offene Haftbefehle: 148.000 Gesuchte – und der Staat schaut zu

Offene Haftbefehle: Polizei-Flutlicht bei Nacht

Mehr als 148.000 Menschen sind in Deutschland zur Festnahme ausgeschrieben. Offene Haftbefehle in dieser Größenordnung sind kein Randproblem der Statistik, sondern ein Offenbarungseid des Rechtsstaats: Gerichte entscheiden, aber die Entscheidung kommt beim Täter nicht an. Und die neue Antwort des Bundesinnenministeriums zeigt, wer die Gesuchten mehrheitlich sind – 87,3 Prozent besitzen keinen deutschen Pass.

Inhalt: Offene Haftbefehle: die Zahlen · Wer gesucht wird · Warum der Staat nicht vollstreckt · Was jetzt passieren muss

Das Wichtigste in Kürze

  • Zum 1. Juli 2026 waren in INPOL 170.667 offene nationale Haftbefehle ausgeschrieben.
  • Dahinter stehen rund 148.000 Personen.
  • Nur 11,2 Prozent der Gesuchten haben ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Offene Haftbefehle: die Zahlen hinter dem Vollzugsdefizit

Zum Stichtag 1. Juli 2026 waren im polizeilichen Informationssystem INPOL 170.667 offene nationale Haftbefehle ausgeschrieben – ein Plus von 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das meldet der Pressedienst des Deutschen Bundestages unter Berufung auf die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 21/7156). Hinter diesen Haftbefehlen stehen rund 148.000 Personen. Stillstand auf hohem Niveau also: Jahr für Jahr dieselbe Lücke, ohne dass sie kleiner wird.

Offene Haftbefehle: 170.667 Ausschreibungen in INPOL
170.667 offene Haftbefehle zum Stichtag 1. Juli 2026 (Symbolbild)

Zur Einordnung: Allein 2023 kamen fast 149.000 neue Ausschreibungen hinzu. Vollstreckte Haftbefehle werden täglich gelöscht, neue kommen dazu. Das Ministerium spricht deshalb von einer „Momentaufnahme“. Nur: Wenn jede Momentaufnahme gleich aussieht, ist das kein Zufall mehr, sondern ein Zustand.

Aufschlussreich ist auch der Blick auf die neuen Ausschreibungen: 2021 entfielen bereits 61,3 Prozent auf nichtdeutsche Personen, 2023 waren es 89.886 von 148.725, also rund 60 Prozent. Dass der Anteil im Bestand mit 87 Prozent noch deutlich höher liegt, ist der eigentliche Befund. Haftbefehle gegen Deutsche werden offenbar schneller erledigt, Haftbefehle gegen Ausländer bleiben liegen – weil die Gesuchten ausgereist, untergetaucht oder schlicht nicht auffindbar sind.

Wer hinter offenen Haftbefehlen steht

Laut der aktuellen Ministeriumsantwort haben nur 11,2 Prozent der Gesuchten ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit, weitere 1,5 Prozent sind Doppelstaatler. Die größten Gruppen: Rumänen (16.123), Polen (12.721), Georgier (6.869) und Türken (6.696). Schon zum Juli 2025 lag der Anteil nichtdeutscher Gesuchter bei 87 Prozent.

Das muss man ehrlich aussprechen, ohne Menschen pauschal abzustempeln: Die überwältigende Mehrheit der Rumänen, Polen oder Türken in Deutschland lebt rechtstreu. Aber die Zahlen zeigen, dass grenzüberschreitende Kriminalität – Eigentumsdelikte, Bandenstrukturen, Betrug – den Rechtsstaat dort trifft, wo er am schwächsten ist: bei der Durchsetzung. Wer weiß, dass er nach der Tat einfach über die Grenze verschwinden kann, rechnet mit Straflosigkeit. Viele Gesuchte dürften sich gar nicht mehr in Deutschland aufhalten – das räumt das Ministerium selbst ein.

Warum der Staat nicht vollstreckt

Die Vollstreckung liegt überwiegend bei den Ländern – und die Polizei klagt seit Jahren, dass Festnahmen oft dem Zufall überlassen bleiben: eine Verkehrskontrolle hier, eine Ausweisprüfung dort. Gezielte Zielfahnder sind knapp, Staatsanwaltschaften überlastet, Haftplätze rar. Gleichzeitig weiß die Bundesregierung nach eigener Aussage nicht einmal, wie viele Gesuchte parallel Sozialleistungen beziehen; ein automatischer Datenabgleich zwischen Polizei und Behörden ist nicht vorgesehen.

Offene Haftbefehle Story-Bild: 148.000 Gesuchte – Blaues Echo
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Das ist dasselbe Muster, das wir schon beim Abschiebe-Versagen im Fall Liana K. gesehen haben: Akten voll, Vollzug leer. Ein Staat, der Milliarden für Aufrüstung und Auslandsprojekte findet, aber keine Zielfahnder für 148.000 Gesuchte, setzt die falschen Prioritäten.

Was jetzt passieren muss

Erstens: Zielfahndung personell massiv aufstocken – Sicherheit im Inneren statt Symbolpolitik. Zweitens: Ein starkes Europa nutzen, wo es Sinn ergibt. Wenn Rumänen und Polen die größten Gruppen stellen, müssen Europäischer Haftbefehl und Haftverbüßung im Heimatstaat konsequent angewendet werden – auf Augenhöhe, mit klaren Fristen und Rückmeldungen. Drittens: Wer als Nicht-EU-Ausländer rechtskräftig gesucht oder verurteilt ist, verliert sein Aufenthaltsrecht. Viertens: Datenabgleich zwischen Polizei, Ausländer- und Sozialbehörden, rechtsstaatlich sauber geregelt.

Offene Haftbefehle sind ein Gradmesser für das Vertrauen in den Staat. Wer will, dass junge Menschen an Recht und Ordnung glauben, muss zeigen, dass ein Urteil mehr ist als ein Stück Papier.

Offene Haftbefehle: Zahlen und Fakten im Überblick

Die folgenden Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung (Drucksache 21/7156) vom 14. Juli 2026 sowie – für die Aufschlüsselung nach Staatsangehörigkeit – aus einer dpa-Meldung zu einer weiteren Antwort des Bundesinnenministeriums. Stichtag ist jeweils der 1. Juli 2026.

Gesuchte Personen nach Staatsangehörigkeit

StaatsangehörigkeitGesuchte Personen
ausschließlich deutsch16.671
Rumänien16.123
Polen12.721
Georgien6.869
Türkei6.696
Die fünf größten Gruppen; Quelle: Bundesinnenministerium laut dpa

Danach folgen laut dpa unter anderem Bulgarien, Algerien, Albanien, die Ukraine und Marokko. Rund 11 Prozent der Gesuchten besitzen ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit, 1,5 Prozent sind Deutsche mit einer zweiten Staatsangehörigkeit, etwa 87 Prozent sind ausländische Staatsangehörige.

Fahndungen nach Anlass

Anlass der FahndungAnzahlVeränderung zum Vorjahr
Straftat24.014+1,0 %
Strafvollstreckung146.6070,0 %
Unterbringung46+12,2 %
Gesamt170.667+0,1 %
Fahndungen zu offenen nationalen Haftbefehlen in INPOL-Z; Quelle: Drucksache 21/7156

Die meisten Fahndungen nach Land bzw. Behörde

Land / BehördeFahndungenVeränderung zum Vorjahr
Bayern31.944−4,4 %
Nordrhein-Westfalen28.337+1,6 %
Baden-Württemberg24.370−1,1 %
Niedersachsen14.603+2,2 %
Bundespolizei12.401−2,3 %
Hessen12.282+6,6 %
Quelle: Drucksache 21/7156

Weitere Kennzahlen aus der Antwort der Bundesregierung

  • Die 170.667 Fahndungen betreffen 148.311 Personen; 131.410 von ihnen haben einen offenen Haftbefehl, 13.124 zwei, 3.760 drei bis neun und 17 zehn oder mehr.
  • 2025 wurden 128.650 Fahndungen neu erfasst und 129.897 erledigt.
  • 15.205 Fahndungen (8,9 Prozent) entfallen auf Gewaltkriminalität, 3.163 (1,9 Prozent) auf Sexualdelikte.
  • Von den 2025 erledigten Haftbefehlen waren 48,4 Prozent weniger als 100 Tage offen, 29,5 Prozent 500 Tage oder länger.
  • Zum 30. September 2025 bestanden 2.231 offene Haftbefehle im Bereich politisch motivierter Kriminalität gegen 1.765 Personen.

Häufige Fragen

Wie viele offene Haftbefehle gibt es in Deutschland?

Zum Stichtag 1. Juli 2026 waren 170.667 offene nationale Haftbefehle ausgeschrieben, ein Plus von 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dahinter stehen rund 148.000 Personen.

Welche Staatsangehörigkeiten sind am häufigsten?

Rumänen (16.123), Polen (12.721), Georgier (6.869) und Türken (6.696).

Woher stammen die Zahlen?

Aus der Antwort der Bundesregierung, Drucksache 21/7156.

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Quellen

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