Schematische Karte des Deutschen Kaiserreichs um 1914, historische Darstellung ohne Gebietsforderung

Am 3. Oktober 1990 traten die Länder der DDR der Bundesrepublik bei. Das war staatliche Einheit in den Grenzen, die heute gelten. Wer Deutsche Einheit nur so erzählt, lässt den älteren Sinn des Wortes weg. Der steht seit 1841 im Deutschlandlied: „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“.

Das ist Erinnerung, keine Forderung. Blaues Echo erhebt keine Gebietsansprüche gegenüber Polen oder irgendeinem europäischen Nachbarn. Frieden, Zusammenarbeit und gute Nachbarschaft stehen nicht zur Debatte. Die heutigen Grenzen sind völkerrechtlich endgültig. Der deutsch-polnische Grenzvertrag vom 14. November 1990 hat die Oder-Neiße-Linie als unverletzlich bestätigt, wie es der Zwei-plus-Vier-Vertrag verlangt hatte. Gedenken zieht keine neue Linie in die Landschaft.

Inhaltsverzeichnis

Was 1990 war – und was nicht

Deutsche Einheit im staatlichen Sinn von 1990 ist die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR. Nicht die Rückkehr früherer Provinzen. Das vereinte Deutschland liegt in den Grenzen der Nachkriegszeit. Das Kaiserreich von 1871 bis 1918 war ein anderer Staat: größer als die Bundesrepublik, kleiner als das Lied. Seine Provinzen hießen anders als spätere Freistaaten der Weimarer Zeit. Verloren wurde europäisches Gebiet in zwei Schüben, 1919 in Versailles und 1945 jenseits von Oder und Neiße. Dazwischen lagen Abstimmungen, die Freie Stadt Danzig und das Memelgebiet.

Was das Lied meint

Hoffmann von Fallersleben schrieb das Lied auf Helgoland. Er meinte den kulturellen Raum seiner Zeit, nicht eine Staatskarte von 2026. Die Etsch fließt in Südtirol. Das war habsburgisch und nie eine Provinz des Kaiserreichs. Der Belt markiert den Norden Schleswigs, die Maas den Westen, die Memel den Osten. Die Zeile benennt eine historische Vorstellung von Zusammengehörigkeit. Sie ist kein Programm und kein Anspruch.

Schematische Karte des Deutschen Kaiserreichs um 1914, historische Darstellung ohne Gebietsforderung
Kaiserreich um 1914, schematisch. Weiß gestrichelt: die heutige Grenze. Keine Gebietsforderung.

Welche Gebiete das Kaiserreich verlor

Im Norden ging Nordschleswig 1920 nach einer Volksabstimmung an Dänemark. Es war keine eigene Provinz, sondern der nördliche Teil von Schleswig-Holstein. Heute liegt es in der dänischen Region Syddanmark.

Im Westen kamen die Kreise Eupen und Malmedy, dazu das frühere Neutral-Moresnet, 1920 zu Belgien. Sie gehörten zur Rheinprovinz, nicht zu einem eigenen Land. Heute liegen sie in der Provinz Lüttich. Das Reichsland Elsaß-Lothringen, 1871 gebildet und keine preußische Provinz, kehrte 1919 zu Frankreich zurück. Heute sind das im Grand Est die Départements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle. Nicht ganz Lothringen: Nancy und die Meurthe blieben 1871 französisch. Das Saargebiet stand zeitweise unter Sonderverwaltung und ist seit 1957 das Saarland. Es fehlt hier, weil es nicht verloren blieb.

Im Osten ist die Karte polnisch, litauisch, russisch und in einem Zipfel tschechisch. Die Provinz Posen und der größte Teil Westpreußens fielen 1919/20 an Polen. Danzig wurde Freie Stadt und heißt heute Gdańsk. Vom preußischen Schlesien ging das Hultschiner Ländchen 1920 an die Tschechoslowakei, heute Tschechien. Ostoberschlesien folgte nach der Teilung 1921/22. Der Rest Schlesiens, das östliche Pommern, die Neumark der Provinz Brandenburg und der Süden Ostpreußens liegen seit 1945 in Polen. Der Norden Ostpreußens mit Königsberg ist die russische Oblast Kaliningrad. Das Memelland war kein Kronland, sondern der nördliche Streifen Ostpreußens. Versailles trennte ihn ab, Litauen übernahm ihn 1923. Heute ist es die Region um Klaipėda.

Norwegen erhielt kein deutsches Staatsgebiet. Auch die Niederlande bekamen nach 1949 nur kleine Grenzstreifen, die 1963 zurückgingen. Das Sudetenland war 1871 böhmisch und österreichisch, nicht Reichsprovinz. Kolonien sind ein anderes Kapitel. Hier geht es um die europäischen Gebiete des Kaiserreichs.

Gedenken ohne Anspruch

Deutsche Einheit im Sinn des Liedes ist also nicht „1990 und Schluss“. Sie ist die Erinnerung an Provinzen, ein Reichsland und einzelne Kreise: Ostpreußen, Westpreußen, Hinterpommern, Schlesien, Posen, Memelland, Elsaß-Lothringen, Eupen-Malmedy, Nordschleswig. Wir nennen sie, weil eine Geschichte, die erst 1945 oder 1990 anfängt, unvollständig ist. Wir vergessen sie nicht. Wir fordern sie nicht zurück.

Der 3. Oktober bleibt der Tag dieses Staates, in diesen Grenzen, mit diesen Nachbarn. Daneben steht das Recht, zu sagen, was das Wort früher meinte. Sachlich. Vollständig. Ohne aus der Erinnerung einen Anspruch zu machen.

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