Krawalle in Frankreich: Fotomontage mit zwei Personen vor einem brennenden Auto in Paris am 17. Oktober 2026

Krawalle in Frankreich: Schülerprotest, Beutezug – und eine Warnung an Berlin

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Brennende Autos am Boulevard Voltaire, ein abgefackeltes Rathaus in Limoges, geplünderte Boutiquen an den Champs-Élysées: Die Krawalle in Frankreich haben am Wochenende ein Ausmaß erreicht, das selbst der eigene Justizminister nicht mehr schönredet. „Wir haben versagt, ganz eindeutig, an diesem Wochenende“, sagte Gérald Darmanin am Montagmorgen. Allein am 17. Oktober nahm die Polizei 2.397 Menschen fest, 997 Polizisten und Gendarmen wurden verletzt. Begonnen hatte alles mit Schülern, die mehr Lehrer wollten. Geendet hat es – vorerst – mit Beutezügen durch Pariser Einkaufsstraßen. Wer verstehen will, wie es dazu kam, muss genau hinsehen. Und wer in Berlin gerade eine rot-grün-rote Koalition schmiedet, sollte es auch.

Kurz erklärt

  • Seit dem 21. September protestieren Frankreichs Oberschüler gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und marode Schulen. Die Bewegung begann in Créteil bei Paris und breitete sich landesweit aus.
  • Am Rand der Blockaden gab es von Anfang an Gewalt: Bis zum 14. Oktober kamen 7.950 Menschen in Polizeigewahrsam, 6.773 davon minderjährig (Justizministerium).
  • Am 17. Oktober gingen laut Innenministerium 550.000 Menschen gegen die Teuerung auf die Straße, die meisten friedlich. Danach eskalierte es: 2.397 Festnahmen, 997 verletzte Polizisten, rund 1.500 betroffene Geschäfte.
  • Bei der Eskalation am 17. Oktober waren die Festgenommenen überwiegend Erwachsene. Behörden und Polizeigewerkschaft sprechen von Linksextremen und „Gelegenheitsplünderern“, nicht von Schülern.
  • Frankreichs Probleme haben koloniale Wurzeln, sind aber zu einem großen Teil hausgemacht. Deutschland kann daraus lernen, bevor es zu spät ist.

Inhaltsverzeichnis

Was ist in Frankreich eigentlich los?

Der Anlass ist banal und berechtigt zugleich. Am 21. September blockierten Schüler das Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil, südöstlich von Paris. Dort fehlten Lehrer, in den Klassen saßen über 30 Jugendliche, es gab zu wenige Tische. Binnen Tagen sprang der Funke auf die Banlieues im Norden über – Saint-Denis, Aubervilliers, Saint-Ouen – und dann auf das ganze Land. Französische Medien zeigten Bilder von Ratten, eingestürzten Decken und Containerklassen, in denen es im Sommer 40 Grad heiß wird. Der Bildungsetat stieg 2026 nur um 1,7 Prozent und damit unter der Inflation (Reuters).

Daraus wurde in vier Wochen die größte Jugendrevolte seit 1968, wie die ARD schreibt (tagesschau, 13.10.2026). Lehrergewerkschaften, Eltern und Studenten schlossen sich an, am 6. Oktober zählten die Gewerkschaften 450.000 Teilnehmer, die Regierung 250.000. Am 17. Oktober riefen dann die Gewerkschaft CGT, Studentenverbände und eine wiederbelebte Gelbwesten-Bewegung zum großen Aktionstag gegen die „vie chère“ auf, die Teuerung bei Sprit und Lebensmitteln. 110 Demonstrationszüge, 550.000 Teilnehmer laut Innenministerium, 800.000 laut Veranstaltern (BFM/AFP).

Der Tag begann friedlich. Am späten Nachmittag kippte er. In Limoges brannte das 143 Jahre alte Rathaus weitgehend aus, in Marseille rammten Vermummte die Tür des Rathauses mit Absperrgittern auf, in Lyon ging das Touristenbüro in Flammen auf. In Paris plünderten Gruppen Läden rund um die Place de la République, am Bahnhof Saint-Lazare, in Châtelet-Les Halles und auf den Champs-Élysées. Am Sonntag ging es weiter: wieder Plünderungen in Paris, versuchte Einbrüche in Lyon und bei Nantes, in Guadeloupe wurden drei Polizisten von Schüssen getroffen, der Präfekt verhängte eine Ausgangssperre für Minderjährige.

Schülerprotest oder Plünderung? Eine ehrliche Antwort

Die ehrliche Antwort lautet: beides – aber nicht dieselben Leute und nicht zur selben Zeit. Wer das vermischt, betreibt Propaganda, egal von welcher Seite.

Phase eins: Schüler mit echten Anliegen – und Gewalt vor den Schultoren

Die Lycée-Bewegung hat reale Gründe. Das bestreitet in Frankreich nicht einmal die Regierung, Premierminister Sébastien Lecornu hat erste Antworten bis Ende Oktober angekündigt, 3.000 Vertretungslehrer werden bereits verteilt. Eine Umfrage für Le Figaro ergab, dass 62 Prozent der Franzosen die Proteste für berechtigt halten. Human Rights Watch nennt die Demonstrationen „fast ausnahmslos friedlich“ und dokumentiert schwere Verletzungen durch Polizeiwaffen: Ein 15-Jähriger verlor in Lens die Hand durch eine Blendgranate, ein 14-Jähriger erlitt einen doppelten Kieferbruch (HRW, 14.10.2026). Das gehört zur Wahrheit dazu.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Schon in der ersten Woche brannten Schultore. Bildungsminister Édouard Geffray sprach am 5. Oktober von 24 Schulen, die angezündet oder verwüstet worden seien (BBC). In Nantes brannte die Eingangshalle des Lycée Nelson-Mandela aus, in Marseille wurde ein Feuerwehrwagen umstellt, die Besatzung vertrieben und das Fahrzeug angezündet, in Belfort schlugen Vermummte in Schwarz einen Polizisten bewusstlos – die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes. Schulleiter wurden mit Feuerwerksmörsern beschossen. Bis zum 14. Oktober kamen 7.950 Menschen in Gewahrsam, 6.773 davon Minderjährige, 2.735 Verfahren wurden eingeleitet (franceinfo/Justizministerium). Laut Lecornu wurden bis dahin 937 Polizisten und Gendarmen verletzt. Das sind keine Kreidemalereien auf dem Schulhof.

Phase zwei: Der 17. Oktober – erst Demo, dann Beutezug

Am 17. Oktober verschob sich das Bild. Innenminister Laurent Nuñez schrieb am Sonntag, in Marseille hätten „schon am Morgen mehrere tausend Personen der Ultralinken“ öffentliche Gebäude angegriffen, „danach wurden sie von Kriminellen verstärkt, die zahlreiche Geschäfte geplündert und verwüstet haben“ (Europe 1/AFP). Der Handelsverband FCD schätzt, dass rund 1.500 Geschäfte direkt betroffen sind, der Schaden gehe in die „mehreren hundert Millionen Euro“. Bürgermeister von Paris bis Limoges werfen der Regierung vor, die Polizei habe zu wenig Kräfte gehabt und sei zurückgewichen. Nuñez bot seinen Rücktritt an, Emmanuel Macron lehnte ab (franceinfo, 19.10.2026).

Der Unterschied zwischen beiden Phasen ist entscheidend: Eine Schülerin, die vor ihrem Lycée ein Transparent hält, und ein Erwachsener, der mit Brecheisen bei Darty einsteigt, gehören nicht in einen Topf. Wer die eine schützt, muss den anderen bestrafen. Genau daran ist der französische Staat gescheitert.

Wer sind die Randalierer vom 17. Oktober?

Die Behörden haben bisher keine Angaben zu Herkunft oder Staatsangehörigkeit der Festgenommenen veröffentlicht. Wer darüber Behauptungen aufstellt, erfindet sie. Was belegt ist, betrifft Alter, Delikte und Milieu:

  • Laut Justizminister Darmanin kamen am Wochenende 2.331 Menschen in Gewahrsam, „mehrheitlich Volljährige“ (franceinfo). Europe 1 spricht unter Berufung auf Innenministeriumszahlen von fast 90 Prozent Erwachsenen, meist jungen Männern zwischen 18 und Mitte 30 (Europe 1).
  • In Paris meldete die Staatsanwaltschaft 557 Personen in Gewahrsam: 381 Erwachsene, 151 Minderjährige, 25 mit unklarem Alter. Häufigste Vorwürfe: Hehlerei mit Diebesgut (über 150), Beteiligung an einer Gruppe zur Begehung von Gewalttaten (rund 130) und Sachbeschädigung (rund 120) (Europe 1/AFP).
  • In Toulouse wurden 107 Menschen festgenommen, darunter 27 Minderjährige und 19 Frauen; die Mehrheit war der Justiz bislang unbekannt (actu.fr).
  • Die Polizeigewerkschaft Unité beschreibt zwei Profile: „Gelegenheitsplünderer“, junge Leute „aus sozialen Brennpunkten“, und Black-Bloc-Gruppen der Ultralinken, „Profis, die nur kommen, um sich mit unseren Kollegen zu prügeln“. Ihr Fazit: „Das sind keine Schüler und keine klassischen Demonstranten“ (Europe 1).
  • RTL berichtet von organisierten Gruppen von 10 bis 30 Personen zwischen 16 und 25 Jahren, teils mit Rollern für den Abtransport der Beute. Schon Tage vorher kursierten Videos mit Ansagen wie „Ich klaue bei Sephora“ (RTL).

Das Bild ist also klar genug: Die Plünderer vom 17. Oktober waren überwiegend junge Erwachsene, viele aus den Problemvierteln der Großstädte, flankiert von einer linksextremen Szene, die den Straßenkampf sucht. Mit der Forderung nach mehr Mathelehrern hat das so viel zu tun wie ein Molotowcocktail mit Bildungspolitik.

KennzahlWertQuelle
Teilnehmer 17.10.550.000 (Innenministerium) / 800.000 (CGT)BFM/AFP
Festnahmen 17.10.2.397Innenministerium
Verletzte Polizisten und Gendarmen 17.10.997, davon 7 schwerInnenministerium
Direkt betroffene Geschäfteca. 1.500Handelsverband FCD
Gewahrsam seit Beginn der Schülerproteste (bis 14.10.)7.950, davon 6.773 MinderjährigeJustizministerium
Verbrannte Autoskeine nationale Zahl veröffentlicht–
Bilanz der Krawalle, Stand 19.10.2026, 9 Uhr MESZ.

Krawalle in Frankreich: schlimmer als 2005 und 2023?

Frankreich kennt brennende Vorstädte. Im Herbst 2005 starben in Clichy-sous-Bois zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Umspannwerk, drei Wochen lang brannte es, die Regierung rief den Ausnahmezustand aus. Bilanz: 10.346 verbrannte Fahrzeuge, 6.056 Festnahmen (Le Nouvel Obs). Im Juni 2023 erschoss ein Polizist in Nanterre den 17-jährigen Nahel M. Laut Senatsbericht folgten zehn Nächte mit geschätzt 50.000 Randalierern, 12.031 verbrannten Fahrzeugen, 2.508 beschädigten Gebäuden, über 1.000 geplünderten Geschäften und fast einer Milliarde Euro Schaden (Sénat, 10.04.2024).

20052023 (Nahel)2026
AuslöserTod zweier JugendlicherPolizeischuss auf Nahel M.Schülerproteste, Aktionstag gegen Teuerung
Dauer27.10.–17.11.27.06.–07.07.seit 21.09., Eskalation 17./18.10.
Festnahmen / Gewahrsam6.056 Festnahmen4.282 in Gewahrsam7.950 in Gewahrsam bis 14.10., 2.397 Festnahmen am 17.10.
Verletzte Einsatzkräfte224782997 an einem Tag
Verbrannte Fahrzeuge10.34612.031noch keine Gesamtzahl
Ausnahmezustandjaneinnein (von LR gefordert)
Quellen: Le Nouvel Obs (2005), Senatsbericht (2023), Innen- und Justizministerium (2026).

Der Unterschied: 2005 und 2023 waren nächtliche Vorstadtaufstände ohne Forderungen. Der Senat schrieb 2023 von einer „Logik der Plünderung“, organisiert über soziale Netzwerke. 2026 ist komplizierter, und gerade deshalb gefährlicher. Tagsüber marschiert eine echte soziale Bewegung mit Gewerkschaften und Schülern. Abends nutzen Linksextreme und Plünderer diese Kulisse, und zwar mitten in den Innenstädten, nicht nur in der Banlieue. Die Zahl der verletzten Polizisten an einem einzigen Tag übertrifft die gesamten Nahel-Unruhen.

Warum ist Frankreichs Integrationsmodell gescheitert?

Die koloniale Rechnung

Frankreichs Einwanderung ist zu einem großen Teil eine Folge seines Kolonialreichs. Algerien war von 1830 bis 1962 französisch, Marokko und Tunesien waren Protektorate, Westafrika war bis 1960 Kolonie. In den Boomjahren nach dem Krieg holte Paris gezielt Arbeitskräfte aus dem Maghreb und Afrika, 1974 stoppte es die Arbeitsmigration, ab 1976 regelte ein Dekret den Familiennachzug (vie-publique.fr). Das Ergebnis zeigt die Statistik: Von 7,97 Millionen Einwanderern in Frankreich sind 49,2 Prozent in Afrika geboren, 29,3 Prozent im Maghreb, allein 12,6 Prozent in Algerien (INSEE, 2025). Sprache, Pass, Familiennetze: Die Kolonien wurden zu Migrationskanälen, die bis heute offen sind.

Frankreich, das gern mit dem Finger auf andere zeigt, hat diese Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet – wir haben das am Beispiel von Mayotte und der Empörung über eine Landkarte beschrieben (Helmut Strauf und die französische Doppelmoral). Diese Doppelmoral rächt sich jetzt.

Hausgemacht: Beton statt Ordnung

Die Geschichte erklärt viel, entschuldigt aber nichts. Den Rest hat Paris selbst verursacht. Es hat Einwanderer in Hochhaussiedlungen am Stadtrand konzentriert und dann jahrzehntelang mit Geld statt mit Regeln regiert. Das nationale Stadterneuerungsprogramm hat von 2004 bis 2021 Investitionen von 48,4 Milliarden Euro ausgelöst (Evaluierung PNRU), das Nachfolgeprogramm soll weitere 50 Milliarden bewegen. Trotzdem liegt die Armutsquote in den 1.362 „vorrangigen Vierteln“ bei 44,3 Prozent, landesweit bei 14,9 Prozent; die Arbeitslosigkeit bei 27,5 gegen 12,3 Prozent (ANCT). Mit Beton kauft man keine Loyalität zum Staat.

Dazu kommt das Laissez-faire: eine Polizei, die nach den Worten des Bürgermeisters von Limoges am Samstag „zurückgewichen“ ist, und eine Justiz, die lieber ermahnt als verurteilt. Von den 7.950 Gewahrsamnahmen seit Beginn der Schülerproteste endeten bis zum 14. Oktober 1.263 mit Einstellung und 2.225 mit „Alternativen zur Strafverfolgung“, nur 26 Personen kamen in Untersuchungshaft. Und eine Politik, die nach jeder Krawallnacht einen „Plan für die Banlieue“ verkündet und dann zur Tagesordnung übergeht. Das republikanische Versprechen – gleiche Rechte, gleiche Pflichten, eine Nation – ist in diesen Vierteln für viele zur leeren Formel geworden. Das Multikulti-Frankreich ist kein Vorbild. Es ist ein Warnschild.

Und die radikale Linke gießt Öl ins Feuer. Der Bürgermeister von Saint-Denis von La France Insoumise (LFI), Bally Bagayoko, sagte vor einem besetzten Lycée, Gewalt könne „zu einem gegebenen Zeitpunkt legitim“ sein – er fügte hinzu, es sei besser, sie zu vermeiden (tagesschau); der Polizeipräfekt schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Ein früherer Mitarbeiter einer LFI-Abgeordneten wurde laut Europe 1 bei einer Blockade festgenommen, nachdem er auf Video angekündigt hatte, man werde „den Élysée anzünden“. LFI-Chef Jean-Luc Mélenchon nannte das Polizeivorgehen laut Guardian rassistisch gefärbt. Immerhin: Von Plünderungen distanzierte er sich, sie widersprächen „unseren Methoden“ (Guardian). Laut der Figaro-Umfrage finden 78 Prozent der Franzosen, dass LFI die Bewegung politisch ausschlachtet.

Krawalle in Frankreich Story-Grafik: 2.397 Festnahmen an einem Tag, 997 verletzte Polizisten – und Berlin?
Bild herunterladen und in der Story teilen. Fotomontage, KI-generierter Inhalt. Hintergrund: Jorge Jaramillo/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Grafik: Blaues Echo.

Was folgt daraus für Deutschland?

Deutschland hatte ein Kolonialreich von 1884 bis 1919 – kurz, und ohne nennenswerte Migrationskanäle in die Gegenwart. Kein Togolese, kein Namibier hat heute einen Anspruch auf einen deutschen Pass, weil seine Großeltern deutsche Untertanen waren. Unter den 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte stammen die größten Gruppen aus der Türkei (2,6 Millionen), Polen (2,0), Russland (1,4), der Ukraine (1,4) und Syrien (1,3) (Destatis, Mikrozensus 2025). Unsere Einwanderung ist das Ergebnis politischer Entscheidungen: Gastarbeiter-Anwerbung, EU-Freizügigkeit, Asyl. Und politische Entscheidungen kann man ändern.

Das ist die eigentliche Lehre aus Paris. Frankreich trägt eine historische Last, Deutschland nicht – wir haben also keine Ausrede. Wenn bei uns Parallelgesellschaften wachsen, dann weil wir es zulassen. Drei Dinge folgen daraus:

  • Begrenzen: Zuwanderung muss sich an der Integrationsfähigkeit von Schulen, Wohnungsmarkt und Arbeitsmarkt orientieren, nicht an Wunschdenken.
  • Integration einfordern: Sprache, Schulpflicht, Arbeit. Wer bleiben will, muss mitziehen. Gleichzeitig gilt: Wer Schulen verrotten lässt, wie Frankreich es tut, liefert Krawallmachern den Vorwand frei Haus.
  • Rechtsstaat durchsetzen: schnelle Verfahren, spürbare Strafen, auch für junge Täter, und eine Polizei, die nicht erst dann Personal hat, wenn das Rathaus schon brennt.

Wer die Silvesternächte in Berlin-Neukölln erlebt hat, weiß, dass wir von französischen Verhältnissen nicht so weit entfernt sind, wie es uns lieb wäre.

Wünscht sich die Linke solche Zustände für Berlin?

Um es klar zu sagen: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Elif Eralp oder die Berliner Linke Krawalle wollen. Ein Zitat führender Linken-Politiker zu den französischen Unruhen haben wir nicht gefunden. Die französische Regierungskrise hat Parteichef Jan van Aken schon im September 2025 auf seine Weise gedeutet: „Wenn ich die kleinen Leute kaputtspare, dann regt sich Widerstand“ (RTL/ntv via dts). Das ist die linke Lesart: Krawall als Reaktion auf Sparpolitik, nicht als Versagen des Rechtsstaats.

Die Frage ist deshalb nicht, ob die Linke Krawalle will. Die Frage ist, ob sie sie verhindern würde. Und da wird es dünn. Im Sondierungspapier, das Linke, Grüne und SPD am 17. Oktober vorgelegt haben, steht: Man halte „an der Berliner Deeskalationsstrategie fest“, die Messer- und Waffenverbotszonen und die Videoüberwachung werden „im Jahr 2028“ evaluiert. Berlin soll „sicherer Hafen“ bleiben, mit neuen Landesaufnahmeprogrammen, Aufenthaltsrechte sollen „voll ausgeschöpft“, die Bezahlkarte abgeschafft werden (Sondierungspapier, PDF). Fairerweise: Dasselbe Papier verspricht, die Personalstärke der Polizei zu halten und „Drogenhandel und Gewalt“ konsequent zu verfolgen. Konkrete neue Instrumente dafür fehlen. Dazu die Enteignung von rund 160.000 Wohnungen – Details in unserem Beitrag Wohnungskonzerne enteignen: Berlin zahlt 16 Milliarden. Grüne und SPD entscheiden heute, am Montag, über Koalitionsverhandlungen, die Linke am 31. Oktober (tagesschau).

Wie schnell der französische Funke überspringen soll, zeigte sich am Samstag: Ein Mitglied des Landesvorstands der Linksjugend Solid meldete am Kleistpark eine Demo „Solidarität mit den Schüler:innen in Frankreich“ an (Berliner Zeitung). Rund 250 Menschen kamen, ein Redner forderte von Eralp „mehr Rückgrat“ (Berliner Morgenpost). Klein und, soweit bekannt, friedlich – noch. Aber genau so hat es in Créteil auch angefangen. Eine Stadt, die Eigentum zur Verhandlungsmasse macht, Verbotszonen auf den Prüfstand stellt und Migration als „solidarische Migrationsgesellschaft“ verklärt, sendet dieselben Signale, die Frankreich über Jahrzehnte gesendet hat. Wer die Lage der Linkspartei in Berlin kennt, siehe auch unsere Recherche zur Clan-Affäre, darf zumindest fragen, wo diese Koalition die rote Linie zieht.

FAQ: Häufige Fragen zu den Unruhen

Warum gibt es Krawalle in Frankreich?

Auslöser waren Schülerproteste gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und marode Schulen, die am 21. September in Créteil begannen. Am 17. Oktober kam ein landesweiter Aktionstag gegen die Teuerung hinzu. Am Rand beider Bewegungen kam es zu Gewalt, Brandstiftung und Plünderungen.

Sind die Randalierer Schüler?

Bei den Schulblockaden im September und Oktober waren die meisten Festgenommenen minderjährig. Bei der Eskalation am 17. Oktober waren laut Justiz- und Innenministerium überwiegend Erwachsene in Gewahrsam. Polizei und Regierung sprechen von Linksextremen und Gelegenheitsplünderern. Angaben zur Herkunft gibt es nicht.

Wie viele Festnahmen und Verletzte gab es?

Am 17. Oktober meldete das Innenministerium 2.397 Festnahmen und 997 verletzte Polizisten und Gendarmen, sieben davon schwer. Seit Beginn der Schülerproteste kamen bis zum 14. Oktober 7.950 Menschen in Gewahrsam. Der Handel zählt rund 1.500 betroffene Geschäfte.

Sind die Krawalle in Frankreich schlimmer als 2023?

In der Fläche noch nicht: 2023 brannten über 12.000 Fahrzeuge. Aber am 17. Oktober wurden an einem einzigen Tag mehr Einsatzkräfte verletzt als während der gesamten Nahel-Unruhen (782), und die Gewalt traf diesmal auch die Innenstädte.

Was hat das mit Berlin zu tun?

Linke, Grüne und SPD wollen in Berlin regieren. Ihr Sondierungspapier setzt auf Deeskalation, stellt Waffenverbotszonen auf den Prüfstand und plant Enteignungen. Einen Beleg, dass die Linke Gewalt befürwortet, gibt es nicht. Die Frage ist, ob sie den Rechtsstaat konsequent durchsetzen würde.

Fazit: Frankreich ist kein Vorbild, sondern eine Warnung

Die Krawalle in Frankreich sind keine Schülerproteste, die aus dem Ruder gelaufen sind. Sie sind das, was passiert, wenn ein Staat jahrzehntelang Probleme mit Geld zuschüttet, Regeln nicht durchsetzt und die eigene Polizei im Ernstfall allein lässt. Die Schüler, die bessere Schulen wollen, haben recht. Die Plünderer, die bei Chanel einsteigen, gehören vor Gericht. Und die Politiker, die beides nicht auseinanderhalten können, gehören abgewählt. Deutschland hat keine koloniale Ausrede. Wir haben nur die Wahl, es besser zu machen. Berlin sollte damit anfangen, bevor die erste Barrikade brennt.

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Quellen

Bildnachweis: Titelbild, Story-Grafik und Social-Grafik sind Fotomontagen und als KI-generierter Inhalt gekennzeichnet. Hintergrund: „Paris riots, 17 October 2026 – Burning car“ und „– Burning car and passing cyclist“, Jorge Jaramillo, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0, weichgezeichnet und abgedunkelt. Montage und Grafik: Blaues Echo. Die Montage zeigt keine reale Szene.

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