Steuerschätzung 2027: Bundesfinanzministerium im Detlev-Rohwedder-Haus Berlin mit Text über eine Billion Steuern

Steuerschätzung 2027: Über eine Billion Euro – und für die Bürger bleibt nichts?

|

Über eine Billion Euro. So viel Steuern sollen Bund, Länder und Gemeinden im kommenden Jahr einnehmen – zum ersten Mal überhaupt. Das ist das Ergebnis der Steuerschätzung 2027, die das Bundesfinanzministerium am 22. Oktober 2026 vorgelegt hat. Doch statt einer guten Nachricht für die Bürger kommt aus Berlin nur ein Satz: „Für 2027 gewinnen wir insgesamt keine neuen Spielräume hinzu.“ Rekordeinnahmen, Rekordbelastung – und für die versprochene Senkung der Stromsteuer angeblich kein Geld. Wie passt das zusammen?

Kurz erklärt

  • Laut Steuerschätzung vom 22.10.2026 erwartet der Gesamtstaat 2027 Steuereinnahmen von 1.044,2 Milliarden Euro (einschließlich EU-Anteil) – erstmals mehr als eine Billion.
  • Gegenüber der Mai-Schätzung sind das für 2027 rund 10,9 Milliarden Euro mehr, für den Bund allein 4,1 Milliarden Euro.
  • Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sieht trotzdem „keine neuen Spielräume“. Das Plus des Bundes werde durch eine geplante Einkommensteuerreform und geringere zulässige Neuverschuldung aufgezehrt.
  • Die von Kanzler Merz angekündigte Stromsteuer-Senkung für alle (laut dpa rund 5,4 Milliarden Euro pro Jahr) ist damit nicht gegenfinanziert. Für die Ukraine-Hilfe sind 2027 laut Regierungsentwurf 11,6 Milliarden Euro eingeplant.
  • Der Haushaltsausschuss will den Etat 2027 am 12. November abschließend beraten. Ob die Stromsteuer doch noch sinkt, ist offen.

Was sagt die Steuerschätzung 2027 genau?

Der Arbeitskreis „Steuerschätzungen“ tagte vom 20. bis 22. Oktober 2026 in Saarbrücken. In dem Gremium sitzen neben dem Finanzministerium das Wirtschaftsministerium, führende Wirtschaftsforschungsinstitute, das Statistische Bundesamt, die Bundesbank, der Sachverständigenrat sowie Vertreter der Länder und Kommunen. Zweimal im Jahr rechnen sie aus, wie viel Geld der Staat in den kommenden Jahren zur Verfügung hat.

Für das laufende Jahr 2026 kommen die Schätzer laut Pressemitteilung des Bundesfinanzministeriums auf 997,9 Milliarden Euro – fast genau so viel wie im Mai erwartet. Für 2027 rechnen sie nach Angaben von Reuters mit 1.044,2 Milliarden Euro einschließlich der Einnahmen, die an die EU fließen. In den Jahren danach liegen die erwarteten Einnahmen laut Ministerium im Schnitt um rund elf Milliarden Euro pro Jahr über der Mai-Prognose.

Für den Bund allein sieht das Bild bescheidener aus. 2026 fehlen ihm laut Schätzung rund drei Milliarden Euro gegenüber der Mai-Erwartung. 2027 fließen in den Bundeshaushalt dann voraussichtlich 398,6 Milliarden Euro – 4,1 Milliarden mehr als im Frühjahr gedacht.

Warum steigen die Einnahmen überhaupt?

Die Bundesregierung hat ihre Konjunkturprognose angehoben. Sie erwartet nun ein Wachstum von 1,3 Prozent im Jahr 2026 und 1,1 Prozent im Jahr 2027. Treiber sind laut Finanzministerium vor allem höhere Exporte, unter anderem durch den weltweiten KI-Boom. Kräftiger als erwartet sprudelten die Kapitalertragsteuern, schwächer lief dagegen die veranlagte Einkommensteuer. Mit anderen Worten: Der Staat verdient mit, wenn die Wirtschaft sich trotz hoher Energiepreise und Iran-Krieg berappelt. Bei den Bürgern kommt davon wenig an.

Warum bleibt beim Bund trotzdem nichts übrig?

Klingbeils Rechnung geht so: Von den 4,1 Milliarden Euro Mehreinnahmen des Bundes im Jahr 2027 gehen laut Haushalts-Staatssekretär Steffen Meyer rund 1,7 Milliarden Euro für die geplante Einkommensteuerreform ab. Gleichzeitig darf der Bund wegen der besseren Konjunktur nach der Schuldenregel rund 2,5 Milliarden Euro weniger neue Kredite aufnehmen als geplant. Unterm Strich: null.

„Die positive Nachricht: Es gibt keine neuen Lücken. Die schlechte Nachricht: Es entstehen auch keine neuen Spielräume“, sagte Klingbeil laut Reuters. Und er schob nach: „Wir werden im Bundeshaushalt weiter konsolidieren müssen, um uns Handlungsspielräume für die Zukunft zu erarbeiten.“

Noch ernster ist der Blick nach vorn. Für die Jahre 2028 bis 2030 bringt die neue Schätzung dem Bund laut Reuters zusammen nur 2,2 Milliarden Euro zusätzlich. In der Finanzplanung fehlen für diesen Zeitraum aber mehr als 100 Milliarden Euro, davon rund 22 Milliarden Euro allein im Jahr 2028. Diese Zahl hatte das Ministerium schon im Juli bei der Vorlage des Regierungsentwurfs für den Haushalt 2027 genannt.

Das ist die eigentliche Botschaft der Steuerschätzung 2027: Der Staat nimmt so viel ein wie nie – und erklärt den Bürgern trotzdem, dass es nicht reicht. Ein Einnahmeproblem hat dieses Land nicht. Es hat ein Ausgabenproblem.

Stromsteuer runter – versprochen, aber nicht bezahlt?

Besonders bitter ist das für alle, die auf eine niedrigere Stromrechnung gehofft haben. Die Senkung der Stromsteuer für alle steht bereits im Koalitionsvertrag. Schwarz-Rot hat sie für private Haushalte aber wegen fehlender Mittel zunächst nicht umgesetzt. Mitte Oktober stellte die CDU nach einer Präsidiumsklausur die Senkung „für alle“ erneut in Aussicht. Kanzler Friedrich Merz kündigte laut dpa an, die Stromsteuer auch für Privathaushalte und kleine Unternehmen auf das europäische Mindestmaß zu senken – ohne die Finanzierung mit seinem Finanzminister abzustimmen. Kosten laut dpa: rund 5,4 Milliarden Euro im Jahr.

Klingbeils Antwort am 22. Oktober: „Wer jetzt Vorschläge macht, wie etwa die Senkung der Stromsteuer, sollte gleichzeitig auch Vorschläge mitbringen, wie man das Ganze finanziert.“ Er habe diese Vorschläge „noch nicht gehört“. Und: „Wir können nichts versprechen, was man am Ende nicht halten kann.“

Damit stehen Kanzler und Vizekanzler offen gegeneinander. Druck kommt inzwischen von mehreren Ländern, darunter auch von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Handwerksverband ZDH, Industrieverband BDI und DIHK fordern, die zugesagte Entlastung umzusetzen. Der Bund der Steuerzahler verlangt zusätzlich Entlastungen bei der Einkommensteuer. Und die Union will die kalte Progression ausgleichen – laut dpa rund vier Milliarden Euro zusätzlich im kommenden Jahr.

Steuerschätzung 2027 Story-Grafik: Stromzähler, 1.044 Mrd. Euro Steuern, Stromsteuer ohne Geld
Bild herunterladen und in der Story teilen

Wofür ist das Geld dann da?

Wer behauptet, es gebe keinen Spielraum, sollte ehrlich sagen, wofür das Geld stattdessen ausgegeben wird. Der Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 sieht Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro vor, nach 524,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Der Verteidigungsetat steigt laut Finanzministerium auf 109,7 Milliarden Euro, dazu kommen Mittel aus dem Sondervermögen Bundeswehr.

Für die Ukraine plant die Bundesregierung 2027 laut Finanzministerium 11,6 Milliarden Euro ein. Im Einzelplan 60 des Haushaltsentwurfs sind es exakt 11,612 Milliarden Euro, davon gut 9 Milliarden Euro für die „Unterstützung Ukraine“ durch das Verteidigungsministerium. Hinzu kommen Verpflichtungsermächtigungen von rund 8,7 Milliarden Euro für die Jahre 2028 bis 2031.

Eine einfache Rechnung

Die Stromsteuer-Senkung für alle würde laut dpa rund 5,4 Milliarden Euro im Jahr kosten. Die Ukraine-Hilfe im Haushaltsentwurf 2027 ist mehr als doppelt so hoch. Für Waffen und Militärhilfe im Ausland ist das Geld fest eingeplant. Für die Stromrechnung der eigenen Bürger soll erst einmal jemand einen Finanzierungsvorschlag mitbringen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern der Prioritäten.

Gleichzeitig hat Klingbeil die 34-Milliarden-Lücke im Haushalt 2027 nach eigenen Angaben auch mit neuen und höheren Abgaben geschlossen: höhere Tabak- und Alkoholsteuer, dazu die geplante Plastik- und Zuckersteuer, die in der Union umstritten sind. Wir haben über diese neuen Steuern auf Zucker und Plastik bereits berichtet. Der Bürger zahlt also doppelt: einmal über höhere Steuern, einmal über ausbleibende Entlastung.

Wer profitiert von den Mehreinnahmen?

Über den gesamten Zeitraum bis 2030 summieren sich die erwarteten Mehreinnahmen des Gesamtstaats laut Schätzung auf 43,4 Milliarden Euro. Davon entfallen laut Reuters nur 3,3 Milliarden Euro auf den Bund, 7,8 Milliarden Euro auf die Länder und 9,8 Milliarden Euro auf die Gemeinden. Auch das Finanzministerium schreibt, dass vor allem Länder und Gemeinden durchgehend mit höheren Einnahmen rechnen können.

Der Deutsche Städtetag fordert, mit dem Geld die „völlig unterfinanzierten kommunalen Haushalte“ zu entlasten. Das ist verständlich: In den Kommunen landen die Kosten für Schulen, Kitas, Straßen und Unterbringung. Und ein Teil der Steuereinnahmen fließt ohnehin nicht nach Berlin, sondern an die EU – ein Thema, das wir beim EU-Haushalt und Deutschlands Rolle als Nettozahler ausführlich beleuchtet haben.

Was sagen Koalition und Opposition?

SPD-Haushälter Thorsten Rudolph spricht von einem Erfolg der Investitionsoffensive. Unions-Haushälter Christian Haase ist vorsichtiger: „Trotz der besseren Einnahmeentwicklung kann es leider keine Entwarnung für den Bundeshaushalt geben.“ Der Grünen-Haushälter Sebastian Schäfer nennt das Plus ein „konjunkturelles Strohfeuer“. Die Linke wirft der Regierung falsche Prioritäten vor und fordert, Kürzungen bei Familien und Sozialleistungen zurückzunehmen. Der DGB will Reiche stärker besteuern.

Auffällig: Fast alle wollen mehr Geld verteilen. Kaum jemand stellt die großen Ausgabeblöcke infrage, die der Staat sich selbst verordnet hat.

Was jetzt passieren müsste – unsere Sicht

  • Entlastung zuerst: Die Stromsteuer-Senkung für alle steht im Koalitionsvertrag. Sie muss kommen – bezahlt aus Rekordeinnahmen, nicht aus neuen Schulden oder neuen Steuern.
  • Prioritäten offenlegen: Wer „keine Spielräume“ sieht, muss erklären, warum 11,6 Milliarden Euro für die Ukraine-Hilfe gesetzt sind, eine Entlastung der eigenen Bürger aber nicht.
  • Diplomatie statt Dauerfinanzierung: Jahr für Jahr neue Milliarden und Verpflichtungen bis 2031 sind kein Plan. Berlin sollte mit Nachdruck auf Verhandlungen und ein Ende des Krieges drängen.
  • Keine neuen Abgaben: Plastik- und Zuckersteuer gehören gestoppt. Ein Staat mit über einer Billion Euro Einnahmen braucht keine zusätzlichen Konsumsteuern.
  • Kommunen stärken: Wenn Geld übrig ist, dann für Straßen, Schulen und Sicherheit vor Ort – nicht für Prestigeprojekte.

Wie geht es mit dem Haushalt 2027 weiter?

Die neue Schätzung ist die Grundlage für die letzten Haushaltsverhandlungen. Der Haushaltsausschuss des Bundestags will den Etat am 12. November in seiner Bereinigungssitzung abschließend beraten, Ende November soll der Bundestag den Haushalt beschließen. Ob die Stromsteuer für Privathaushalte doch noch sinkt, ob die Plastiksteuer kommt und ob es einen Ausgleich der kalten Progression gibt, ist Stand 23. Oktober 2026 offen. Wir werden das Ergebnis hier nachtragen.

Zahlen im Überblick

KennzahlWert
Steuereinnahmen Gesamtstaat 2026 (Schätzung)997,9 Mrd. €
Steuereinnahmen Gesamtstaat 2027 (inkl. EU-Anteil)1.044,2 Mrd. €
Plus 2027 gegenüber Mai-Schätzung (Gesamtstaat / Bund)10,9 / 4,1 Mrd. €
Steuereinnahmen Bund 2027398,6 Mrd. €
Plus bis 2030 gegenüber Mai (Gesamtstaat)43,4 Mrd. €
davon Bund / Länder / Gemeinden3,3 / 7,8 / 9,8 Mrd. €
Lücke Finanzplanung Bund 2028–2030über 100 Mrd. €
Stromsteuer-Senkung für alle (Kosten pro Jahr)rund 5,4 Mrd. €
Ukraine-Hilfe im Haushaltsentwurf 202711,612 Mrd. €
Verteidigungsetat 2027 (Einzelplan 14)109,7 Mrd. €
Quellen: Bundesfinanzministerium (22.10.2026 und 06.07.2026), Haushaltsentwurf 2027 Einzelplan 60, Reuters und dpa (22.10.2026)

Häufige Fragen

Was ist die Steuerschätzung 2027?

Die Herbst-Steuerschätzung des Arbeitskreises „Steuerschätzungen“ vom 20. bis 22. Oktober 2026 prognostiziert die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden für 2026 bis 2031. Für 2027 erwarten die Schätzer erstmals mehr als eine Billion Euro, laut Reuters 1.044,2 Milliarden Euro einschließlich EU-Anteil.

Warum sieht Klingbeil keine neuen Spielräume?

Der Bund nimmt 2027 laut Schätzung 4,1 Milliarden Euro mehr ein als im Mai erwartet. Nach Angaben des Finanzministeriums werden diese durch die geplante Einkommensteuerreform (rund 1,7 Milliarden Euro) und eine geringere zulässige Neuverschuldung (rund 2,5 Milliarden Euro) vollständig aufgezehrt.

Kommt die Senkung der Stromsteuer für alle?

Das ist offen. Kanzler Merz hat sie angekündigt, Finanzminister Klingbeil verlangt einen Finanzierungsvorschlag. Laut dpa würde die Senkung rund 5,4 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Entschieden wird bei den Haushaltsberatungen im November.

Wie viel Geld ist 2027 für die Ukraine eingeplant?

Der Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 sieht 11,612 Milliarden Euro für die Hilfe für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten vor, im Wesentlichen für die Ukraine. Davon entfallen gut 9 Milliarden Euro auf die Unterstützung durch das Verteidigungsministerium.

Wann wird der Haushalt 2027 beschlossen?

Der Haushaltsausschuss will den Etat am 12. November 2026 in der Bereinigungssitzung abschließend beraten. Der Bundestag soll den Haushalt Ende November beschließen.

Fazit

Die Steuerschätzung 2027 entlarvt die Ausrede vom leeren Staatssäckel. Über eine Billion Euro Steuern, Milliarden mehr als noch im Frühjahr erwartet – und trotzdem soll für die Bürger nichts übrig sein. Für Waffenhilfe ist das Geld gesetzt, für neue Steuern auf Tabak, Alkohol, Zucker und Plastik gibt es Pläne, für eine niedrigere Stromrechnung nur Ausreden. Wer so wirtschaftet, verliert das Vertrauen derjenigen, die das alles bezahlen. Deutschland braucht eine Regierung, die zuerst an die eigenen Bürger, Betriebe und Familien denkt. Bis zum 12. November hat Berlin Zeit, das zu beweisen.

Mehr zum Thema

Quellen

Bildnachweis Rohmaterial (Symbolbilder, keine Personen erkennbar): Titelbild „Detlev-Rohwedder-Haus 2015.jpg“, Perituss, Wikimedia Commons, CC0; Social-Grafik „Euro coins in hand.jpg“, Santeri Viinamäki, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Story „Siemens household electricity meter electromechanical induction type.jpg“, RobbieIanMorrison, Wikimedia Commons, CC BY 4.0. Bilder zugeschnitten, abgedunkelt und mit Text versehen. Grafiken: Blaues Echo. KI-GENERIERTER-INHALT-Wasserzeichen auf Grafiken.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert